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Paradoxe Leidenschaft: Wenn einer Nähe sucht und der andere sich zurückzieht

Autorenbild: carolinemolitoris
carolinemolitoris
vor 5 Minuten
6 Min. Lesezeit


Paradoxe Leidenschaft: Wenn einer Nähe sucht und der andere sich zurückzieht

Warum wir uns manchmal gerade dann voneinander entfernen, wenn wir uns eigentlich besonders nahe sein wollen


„Je mehr ich auf ihn zugehe, desto mehr zieht er sich zurück.“


„Ich habe das Gefühl, ihr ist alles zu viel. Dabei wünsche ich mir doch einfach nur mehr Nähe.“


„Wenn ich mich zurückziehe, kommt er mir plötzlich wieder entgegen. Aber sobald ich wieder Nähe zulasse, ist er erneut auf Abstand.“


Solche Erfahrungen machen viele Paare. Und sie können unglaublich schmerzhaft sein.

Denn eigentlich wollen beide Verbindung – und trotzdem entsteht immer mehr Distanz.

Ein Partner sucht Nähe, Gespräch, Verbindlichkeit, Berührung oder Sexualität. Der andere fühlt sich zunehmend eingeengt und braucht Abstand, Ruhe oder mehr Raum für sich. Je stärker der eine versucht, die Verbindung herzustellen, desto stärker zieht sich der andere zurück.

Und je mehr sich der andere entzieht, desto größer wird beim ersten die Angst, ihn zu verlieren.

Ein Kreislauf beginnt.


Die paradoxe Leidenschaft: Wenn Nähe noch mehr Distanz erzeugt

Der Psychotherapeut Dean C. Delis und Cassandra Phillips haben diese Dynamik der paradoxen Leidenschaft in ihrem Buch Ich lieb’ dich nicht, wenn du mich liebst beschrieben. Im Zentrum steht ein Ungleichgewicht von Nähe und Distanz: Einer sucht zunehmend die Verbindung, während der andere sich zunehmend entzieht. Genau dieses gegenseitige Verstärken macht die Dynamik so schwierig.


Vereinfacht sieht der Kreislauf so aus:

Ich sehne mich nach dir → du gehst auf Abstand → ich bekomme Angst → ich suche noch mehr Nähe → du fühlst dich noch stärker eingeengt → du gehst noch weiter auf Abstand.


Und damit beginnt sich die Spirale zu drehen.

Das Paradoxe daran: Beide tun häufig genau das, was sich für sie im jeweiligen Moment richtig anfühlt – und verstärken damit gleichzeitig das Problem.


Der Nähe-Sucher: „Komm bitte wieder zu mir“

Für den Partner, der mehr Nähe sucht, kann sich die Situation irgendwann existenziell anfühlen.

Vielleicht fehlt gemeinsame Zeit. Vielleicht gibt es kaum noch Berührung oder Sexualität. Vielleicht werden Gespräche abgeblockt oder immer wieder verschoben.


Und irgendwann entsteht das Gefühl:

„Ich muss etwas tun, damit wir uns nicht verlieren.“

Dann wird mehr gefragt, mehr gesprochen, mehr nachgehakt.

„Was ist denn los mit dir?“

„Liebst du mich überhaupt noch?“

„Warum willst du keine Nähe mit mir?“

„Wann hast du eigentlich mal wieder Zeit für uns?“

Oft steckt dahinter nicht Kontrolle, sondern Sehnsucht.


Die Sehnsucht nach Sicherheit .Nach Kontakt. Nach dem Gefühl, wichtig zu sein.

Doch beim anderen kommt dieses Verhalten möglicherweise ganz anders an: als Druck, Forderung oder Einengung.


Der Distanz-Sucher: „Ich brauche Luft“

Der andere Partner erlebt die Situation häufig aus einer völlig anderen Perspektive.

Er oder sie hat vielleicht schon das Gefühl, ständig Erwartungen erfüllen zu müssen.

Mehr Nähe. Mehr Gespräche. Mehr Sex. Mehr gemeinsame Zeit. Mehr emotionale Verbindlichkeit.

Und je stärker diese Erwartungen wahrgenommen werden, desto größer wird das Bedürfnis, sich zurückzuziehen.

Nicht unbedingt, weil keine Liebe mehr da ist.

Sondern weil Nähe inzwischen mit Druck verbunden ist.


Der Rückzug wird zur Möglichkeit, wieder bei sich anzukommen.

Doch genau dieser Rückzug löst beim anderen wiederum noch mehr Unsicherheit aus.

Und so entsteht ein Kreislauf, in dem beide zunehmend das Gefühl haben:

„Ich komme mit meinen Bedürfnissen nicht vor.“


Wenn aus zwei Bedürfnissen zwei Rollen werden

Besonders problematisch wird es, wenn sich aus der Dynamik feste Rollen entwickeln.

Der eine wird zum „Bedürftigen“, der andere zum „Distanzierten“.

Der eine wartet auf Nachrichten, initiiert Gespräche, schlägt gemeinsame Aktivitäten vor und versucht, die Beziehung wieder lebendig zu machen.

Der andere reagiert, weicht aus, vertröstet oder zieht sich zurück.

Dadurch entsteht ein emotionales Ungleichgewicht.

Und irgendwann geht es gar nicht mehr nur um die ursprüngliche Frage – etwa um Sex, gemeinsame Zeit oder unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe.

Es geht um Macht, Sicherheit und die Frage:

Wer braucht wen mehr?

Das kann enorm anstrengend werden.


Paradoxe Leidenschaft in der Sexualität

Auch beim Thema Sexualität kann sich die Dynamik der paradoxen Leidenschaft zeigen.

Ein Partner wünscht sich mehr Sex und erlebt die sexuelle Distanz vielleicht als Ablehnung:

„Du findest mich nicht mehr attraktiv.“

„Du begehrst mich nicht mehr.“

„Ich bin dir nicht mehr wichtig.“


Der andere erlebt die sexuellen Annäherungen dagegen vielleicht zunehmend als Erwartung:

„Ich soll schon wieder Sex haben.“

„Ich kann gar nicht mehr einfach Nähe genießen, ohne dass daraus eine Forderung entsteht.“

Und plötzlich wird Berührung schwierig.

Denn die Berührung ist nicht mehr nur Berührung.

Sie trägt die ganze ungelöste Beziehungsspannung mit.

Ein Kuss kann dann bedeuten: „Willst du mich noch?“

Eine Umarmung: „Warum haben wir eigentlich keinen Sex?“

Eine Zurückweisung: „Du liebst mich nicht.“

Sexualität wird damit zum Schauplatz eines Konflikts, der eigentlich viel größer ist.


Aber wer ist nun der „Nähe-Mensch“ und wer der „Distanz-Mensch“?

Wichtig ist: Diese Rollen sind nicht unbedingt feste Persönlichkeitsmerkmale.

Menschen können in unterschiedlichen Beziehungen unterschiedliche Positionen einnehmen. Auch innerhalb einer Beziehung kann sich die Dynamik verändern. Eine wissenschaftliche Arbeit zur Nähe-Distanz-Dynamik hebt genau diesen Unterschied hervor: Im Gegensatz zu festen Bindungsstilen wird das von Delis und Phillips beschriebene Muster stärker als Ergebnis der Beziehung selbst verstanden.


Vielleicht warst du in einer früheren Beziehung derjenige Mensch, der viel Freiheit brauchte.

Und heute bist du plötzlich derjenige, der mehr Nähe sucht.

Oder ihr wechselt euch sogar ab.

Das macht deutlich:

Es geht weniger darum, herauszufinden, wer von euch „so ist“.

Viel hilfreicher ist die Frage:

Was passiert gerade zwischen uns?


Wie können Paare die paradoxe Leidenschaft überwinden?

Eine typische Hoffnung lautet:

„Wenn mein Partner sich endlich wieder mehr öffnet, wird alles gut.“

Oder:

„Wenn sie mich endlich nicht mehr so unter Druck setzt, kann ich wieder Nähe zulassen.“

Beide Gedanken sind verständlich.

Aber sie halten die Verantwortung beim jeweils anderen.

Der Ausstieg aus der Dynamik beginnt häufig dort, wo beide beginnen, die eigene Position zu verstehen.


Der Nähe-Sucher könnte sich fragen:

  • Was passiert in mir, wenn mein Partner auf Abstand geht?

  • Welche Angst wird dann aktiviert?

  • Kann ich meine Sehnsucht nach Nähe ausdrücken, ohne den anderen dafür verantwortlich zu machen?

  • Wie kann ich mich selbst wieder spüren, auch wenn mein Partner gerade nicht verfügbar ist?


Und der Distanz-Sucher:

  • Was passiert in mir, wenn mein Partner Nähe möchte?

  • Wann wird aus Nähe für mich Druck?

  • Kann ich meine Grenze aussprechen, ohne den anderen emotional zurückzuweisen?

  • Wie kann ich Raum für mich schaffen und gleichzeitig in Verbindung bleiben?

Denn eine Grenze muss nicht bedeuten:

„Lass mich in Ruhe.“

Sie kann auch heißen:

„Ich brauche gerade Raum. Und gleichzeitig bist du mir wichtig. Lass uns schauen, wann wir wieder miteinander in Kontakt kommen können.“


Nähe und Autonomie gehören zusammen

Eine lebendige Partnerschaft braucht beides:

Verbindung und Eigenständigkeit. Nähe und Freiheit. Intimität und Grenzen.

Das Ziel ist deshalb nicht, dass der eine endlich „weniger bedürftig“ wird und der andere „mehr Nähe zulässt“.


Es geht vielmehr darum, aus dem Gegeneinander wieder ein Miteinander zu machen.

Nicht:

„Du musst dich verändern, damit ich mich sicher fühle.“

Sondern:

„Wie können wir beide so in Beziehung sein, dass meine Bedürfnisse und deine Bedürfnisse Raum bekommen?“

Das kann manchmal bedeuten, neue Formen von Nähe zu entwickeln.

Vielleicht braucht ein Paar mehr bewusste gemeinsame Zeit.

Vielleicht braucht es mehr Eigenraum.

Vielleicht müssen Erwartungen an Sexualität neu besprochen werden.

Vielleicht braucht es einen Umgang mit Konflikten, bei dem nicht einer verfolgt und der andere flüchtet.

Und manchmal braucht es Unterstützung von außen, weil das Paar allein immer wieder an derselben Stelle landet.


Wenn ihr euch im Kreis dreht

Die Dynamik des paradoxen Begehrens kann sich sehr festfahren.

Dann geht es irgendwann nicht mehr darum, wer angefangen hat.

Vielleicht hat einer zuerst mehr Nähe eingefordert. Vielleicht hat der andere zuerst begonnen, sich zurückzuziehen.

Doch je länger der Kreislauf besteht, desto weniger lässt sich sagen, wo er eigentlich begonnen hat.

Du ziehst dich zurück, weil ich dich bedränge. Ich bedränge dich, weil du dich zurückziehst.

Beide haben das Gefühl, auf das Verhalten des anderen nur zu reagieren.

Und genau deshalb kann es hilfreich sein, nicht mehr nach dem Schuldigen zu suchen, sondern die Dynamik gemeinsam sichtbar zu machen.

Denn wenn ein Paar erkennen kann:

„Ah – das ist unser Muster.“

entsteht zum ersten Mal etwas Abstand zum Muster.

Und damit auch die Möglichkeit, etwas zu verändern.


Vielleicht erkennst du dich gerade wieder?

Vielleicht bist du diejenige oder derjenige, der immer wieder versucht, die Verbindung herzustellen.

Oder du merkst, dass du dich zunehmend zurückziehst, weil dir die Nähe zu viel geworden ist.

Vielleicht betrifft es euch auch vor allem in eurer Sexualität.

Dann kann die entscheidende Frage sein:

Nicht: Wer von uns hat das Problem?

Sondern:

Was passiert zwischen uns – und wie können wir gemeinsam aus diesem Kreislauf aussteigen?

Genau dort kann Paartherapie ansetzen: nicht um einen Partner zum „richtigen“ Verhalten zu bringen, sondern um die Dynamik zwischen euch sichtbar zu machen, wieder mehr Selbstkontakt zu ermöglichen und neue Wege von Nähe, Freiheit, Intimität und Beziehung zu entwickeln.


Wenn ihr Unterstützung sucht - Vereinbart gern ein persönliches Gespräch – vor Ort in Hamburg oder online






Über mich

Ich bin Caroline Molitoris (Heilpraktikerin). Ich begleite Frauen und Paare in Entwicklungs- und Übergangsphasen.


Meine Schwerpunkte sind:

In meiner Arbeit verbinde ich systemische Ansätze, traumasensible Nervensystem Regulation und Embodiment Techniken um nachhaltige Veränderungsprozesse auf körperlicher, emotionaler und Beziehungsebene zu begleiten.




 
 
 

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